Der Himmel über neun Säulen

Rita Mascialino
2014 Heinz Mack und ‘Der Himmel über neun Säulen’. San Giorgio Maggiore Venedig (I): Veranstaltung der Ausstellung Beck & Eggeling International Fine Art (Düsseldorf) und Sigifredo di Canossa in Zusammenarbeit mit der Fondation Giorgio Cini mit Sitz im Kloster; Unterstützung von Trend (Vicenza): Rezension Internetseite www.accademiaitalianameqrima.it Pensieri d’Arte.

Heinz Mack ist der Begründer einer der größten Avantgarden in der bildenden Kunst, der weltberühmten Gruppe Zero der 50er/60er Jahre des XX. Jahrhunderts, die vielen weiteren Avantgarden Anlass gegeben hat, u.a. der Optical Kunst, als Op Art allgemein bekannt. Nach seiner Äußerung stellen die neun Lichtsäulen den Menschen dar, indem er mit Würde im Raum aufrecht steht. Wir wollen hier einige Kunstgedanken, Pensieri d’Arte, hinzufügen.

Source: gioia.it

Source: gioia.it

Die neun Säulen aus goldenem Licht sind zum ersten Mal unter freiem Himmel auf dem San-Giorgio-Platz der gleichnamigen kleinen Insel ausgestellt worden. Beim Herumgehen um die Säulen, die die goldenen Lichtstrahlen anziehen und widerspiegeln, und beim gleichzeitigen besonderen Beobachten der Gipfelperspektiven entdeckt man wunderbare und immer anders werdende  dynamische Strukturen. Es scheint fast auch, als ob die Säulen die rotatorische Bewegung der Erde sichtbar machten. Es ist aber nicht diese dynamische um die und mit den Lichtsäulen kreisende Landschaft, die in dieser Analyse in Anspruch kommt. Wir wollen vielmehr zwei der möglichen Hintergründe behandeln, gegen die sich die Säulen abzeichnen und dank denen sie an Bedeutung stark gewinnen – in einer Ausstellung im Freien nimmt der Hintergrund an der Bedeutung des ausgestellten Werks besonders direkt teil. Und diese venetianischen Hintergründe sind am meisten aufschlussreich, um Macks Meisterwerk zutiefst zu verstehen. Die Hintergründe, die die den Säulen innewohnende Bedeutung am deutlichsten sichtbar machen, sind folgende: der vom ursprünglichen Kern des von Andrea Palladio (XVI. Jh.) entworfenen und von Baldassarre Longhena (XVII. Jh.) zu Ende gebauten Benediktinerklosters gebildete Hintergund und der vom Meer an der langen venetianischen Küste beiderseits von San Marco dargebotene Hintergrund.

Der vom kleinen Kern des großen auf den kleinen Platz gehenden Kloster dargestellte Hintergrund hat eine ganz spezielle Wirkung auf die durch die neun Säulen ausgedrückte Semantik: er verleiht ihnen menschliche Dimension, obwohl sie in der Realität menhir unserer Zeit sozusagen sind, d.h. Monumentalwerke und im vorliegenden Fall phallische Symbole, die das Selbstbewusstsein des Mannes und seine körperliche und geistige Macht hervorheben. Wenn man also auf das ziegelrote Urkloster hinschaut, werden die Säulen fast kleiner und gewinnen ein menschlicheres Maß, als ob sie zwar prächtige, aber für den Garten eines Hauses doch geignete Säulen wären. Da das kleine Gebäude, das als Hintergrund dient, ein Ort der menschlichen Frömmigkeit ist, fügt sich dadurch ein weiteres feines Zeichen für eine  menschlichere innere Dimension hinzu. All das hebt die Säulen hervor als Werk des meschlichen Mikrokosmos, des meschlichen Fleißes innerhalb der irdischen Koordinaten eines kleinen Raumes, wo der Mensch Wunderbares schafft. Binnen dieser Perspektive wird die Größe des Menschen oxymorisch im kleinen Maß gepriesen. So erscheinen diese höchst aesthetischen Lichtsäulen im Raum des Menschenhauses, im kleinen irdischen Ort, wo  er lebt und von Größe und Schönheit träumt.

Wenn aber die Säulen gegen den vom weiten Himmel beherrschten und von der ventianischen Küste und dem Meer gebildeten Hintergrund beobachtet werden, d.h. wenn man die Säulen von der Seite der Kirche aus beobachtet, dann erscheint Venedig klein und fern genug, um nicht als Grenze zu dienen, während die See ihren offenen Aspekt in der Ferne zeigt, so dass der Hintergrund als Vergrößerung der Perspektive dient und die Säulen kosmische Dimension gewinnen. Wenn die Säulen gegen einen solchen See- und Himmelhintergrund gestellt werden, die beides weit und ungeheuer am langen Horizont stehen, werden sie selbst ungeheuer, eben deshalb, weil sie nicht mehr vom Maß des kleinen Menschenhauses begrenzt sind. Der Himmel führt den grenzlosen kosmischen Raum ein, das außerhalb der vertrauten Kanäle der Lagune wogende Wasser lässt seine Natur als Wasser hohen Meeres mit seiner ungeheuren Weite ahnen. So erscheinen die neun Lichtsäulen mit Recht als Bestandteile des Universums selbst, wie nach Heinz Macks großartigem Kunstwerk.

Zum Schluss: die neun Säulen von Heinz Mack bieten eine mächtige Synthese des meschlichen Geistes im allgemeinen und auf dem schöpferischen Gebiet der Kunst insbesondere. Diese Synthese geht über den kleinen durch das Kloster gebildeten irdischen Raum, wo Fleiß, ästhetischer Sinn und Frömmigkeit des Menschen entwickelt werden, zu einem ungeheuren kosmischen himmlischen Raum hin, wo der Mensch fähig ist, mit dem Universum zu kommunizieren. Das geschieht in einer Vereinigung von Mikro- und Makrokosmos außerordentlichster emotional-semantischer Resonanz, zu der beide Hintergründe bedeutend beitragen. Von der Erde aus, vom kleinen Maß des menschlichen Hauses aus erheben sich die selber zu goldenem Licht gewordenenen blendenden Säulen von Heinz Mack in die Unermesslichkeit des Universums hin als ein kreativer menschlicher Bestandteil desselben.

Rita Mascialino



CHIUDI
CLOSE